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Mary Wigman - Der Tanz der Zukunft

"Die Wigman eröffnete mir Welten an Bewegung, von denen ich nicht einmal wusste."

- Sylvie Guillem

New York 1930, eine Stadt im Fieber der Sensationen. Die Carnegie-Hall ist völlig ausverkauft, schon seit Wochen sind keine Karten mehr zu bekommen. Die Sensation ist schon in Filmtrailern der Wochenschauen angekündigt worden. Und dann tritt sie auf: allein, barfuss, in einem schlichten Kleid, begleitet von ein paar Trommelrhythmen. Jetzt soll sie zeigen, was dran ist an der angeblich so neuen Tanzsensation aus Deutschland, dem "New German Dance". Nach 90 Minuten hat sie es geschafft: die Zuschauer liegen ihr zu Füßen, die Presse ist begeistert und titelt "Die Hohepriesterin des deutschen Tanzes". Die Monate dieser drei Amerika Tourneen waren ein Höhenflug, von dem ein Künstler kaum zu träumen wagt. Von Stadt zu Stadt volle Häuser, jubelnde Menschen. In ihrem Tagebuch schreibt sie: "Ich lebte wie in einem Taumel. Es schien, als ob alle Journalisten des Landes auf mich einstürmen würden. Es gab Tage, an denen ich aufwachte und fürchtete, einen Photographen unter meinem Bett zu finden."

Mary Wigman ist die erste deutsche Startänzerin und -choreografin mit Weltgeltung. Und das verdankt sie neben ihrem neuen Tanzstil auch dem Charisma ihrer Person. Die Folgen sind überwältigend: überall auf der Welt wird man sich auf sie berufen, wenn man die Wege des etablierten klassischen Tanzes verlassen will. Hanya Holm bringt ihren Tanz endgültig nach Amerika, indem sie die erste Wigman-Schule 1934 in New York eröffnet. Zur selben Zeit begründet sie zusammen mit Martha Graham das American Dance Festival ADF, heute noch eines der wichtigsten Festivals für modernen Tanz in Amerika. Darüber hinaus ist sie die erste, die den modernen Tanz in Musicals wie "My Fair Lady" auf die Bühnen des Broadway brachte. In Asien entsteht der Butoh-Tanz - Wigmans Schüler Takaya Eguchi wird der Lehrer von Kazuo Ohno. In Deutschland ist das "Tanztheater" ohne den Ausdruckstanz nicht vorstellbar. Hier sind ihre Schülerinnen und Schüler u.a. Dore Hoyer, Gret Palucca, Yvonne Georgi, Harald Kreutzberg und Susanne Linke. Aber auch Pina Bausch als bedeutenste Vertreterin des aus Wigmans "Modern Dance" hervorgegangenen "New Dance" beruft sich auf die Wigman.

Selbst die weltberühmte Ballerina der Pariser Oper Sylvie Guillem ist überwältigt und fasziniert, als sie zufällig auf die Arbeit von Mary Wigman stößt. Gepackt von der ungeheuren Energie und Bewegungssprache beschließt Guillem: "Ich will die Wigman tanzen!" Sie entscheidet sich, den Sommerlichen Tanz und  den Hexentanz zu rekonstruieren. Dafür reist sie nach Berlin, in das kleine Studio von Irene Sieben und Leanore Ickstadt. Beide waren in den 60er Jahren Wigman-Schülerinnen und als solche autorisiert, mit Guillem an den Bewegungsqualitäten zu arbeiten. "Die Wigman eröffnet mir Welten an Bewegung, von denen ich nicht einmal wusste.", resümiert sie heute. Ihre eigentliche Zeit ist der künstlerische Aufbruch ins 20. Jahrhundert, und der ist ohne Mary Wigman nicht zu denken. "Sie setzte Expressionismus in Bewegung um", sagte Oskar Kokoschka.Der Expressionismus ist in seiner Hochzeit. Die Künstler begeben sich in die irreale, phantastische Welt des Unterbewussten und der Träume und versuchen diese zu ergründen und darzustellen. "Die Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar", sagte Paul Klee.Wigman zeigt in ihren Tänzen den Menschen, gefangen zwischen Ekstase und dämonischen Kräften. Stücke wie Hexentanz (1914) und Schwingende Landschaft (1928) haben inzwischen einen festen Platz  in der Kulturgedächtniskammer des Tanzes. Angeregt vom wichtigsten Körper- und Tanztheoretiker jener Zeit, Rudolf von Laban und wenig vorher als Schülerin bei Emile Jaques-Dalcroze in Dresden Hellerau suchte die 25jährige ihren Lebenssinn in der Bewegung - und gleichzeitig in der Bewegung Lebenssinn. Mit erwachtem Selbstbewusstsein und verändertem Körpergefühl versuchte Mary Wigman ein neues Bewusstsein zum Ausdruck zu bringen. Der große Komponist Arnold Schönberg schreibt 1911 in einem Brief an Wassily Kandinsky: "Die Kunst gehört dem Unbewussten! Man soll sich ausdrücken! Sich unmittelbar ausdrücken!" Damit spricht er das aus, was Mary Wigman empfindet und was wegweisend sein wird für die Kunst des 20. Jahrhunderts.

 




 

„Mary Wigman - der Tanz der Zukunft“
von Norbert Busè und Christof Debler

arte



Dokumentarfilm, Deutschland 2006, 52’