Soziale Risse, unterschwellige Gewalt, Fremdheit zwischen den Kulturen und andere
soziale Probleme der westlichen Gesellschaften waren immer wieder sein Thema:
Der belgische Regisseur und Choreograf Alain Platel hat mit seinen kühnen
Tanz-Musik-Theater-Kreationen „Lets op Bach“, „Allemal Indiaan“
und „Wolf“ die europäische Theaterszene Staunen gemacht –
nicht zuletzt wegen der Gewagtheit, mit der er und seine Compagnie „Les
Ballets C. de la B.“ diese Themen auf die Bühne bringt.
Die Produktionen zeugen von einer aufmerksamen sozialen Wahrnehmung, die Stimmungen
und Themen des Alltags in einen eigenen theatralen Ausdruck übersetzt.
Platel war seit 2001 vier Mal in Ramallah, um dort mit palästinensischen
Tänzern und Schauspielern zu arbeiten. Auf der letzten Reise, die er zusammen
mit Mitgliedern von Les Ballets C. de la B. unternahm, sollten in einem Workshop
gemeinsame Szenen auf die Bühne gebracht werden. Die Regisseurin Sophie Fienes
dokumentierte diesen Workshop filmisch und stellte uns ihr Material freundlicherweise
zur Verfügung.
Zum Hintergrund des Workshops meint der Regisseur:
„Alles, was auf der Bühne geschieht, steht immer im Zusammenhang mit
dem, was >the people< wollen. Das Volk der Palästinenser hofft auf
einen eigenen Staat. Das prägt, was sie auf der Bühne zeigen und was nicht.“
Sind die künstlerischen Sprachen sich zu fremd? Dient Theater und Tanz in
Ramallah hauptsächlich dazu, ein Sprachrohr für das unterdrückte
palästinensische Volk zu sein?
Als in der Generalprobe einer der belgischen Tänzer auch noch als Frau verkleidet
auftritt, kommt es zum Eklat. Die unvorbereitete Provokation stößt
auf großes Unverständnis bei den Palästinensern - die solche Verkleidungen
als beleidigend empfinden.
Der Regisseur Alain Platel
Alain Platel, 1956 geboren, studierte neben Choreographie- und Tanz auch Psychologie
und Pädagogik in Gent. Er arbeitete nicht nur als Tänzer, sondern auch
als Therapeut für behinderte Kinder, ehe er 1984 in Gent "Les Ballets
C. de la B." gründete. Mit der Produktion "Bonjour Madame"
wurde er international bekannt. Platel leitet außerdem Workshops zum Tanztheater
und arbeitet an Video- und Filmprojekten mit. Im letzten Jahr wurde er in Taormina
für sein Lebenswerk mit dem Europäischen Theaterpreis ausgezeichnet,
dem „Preis für neue Realitäten“.
„Alain Platels Theater ist deshalb so groß, weil es gar kein Theater
sein will“, schreibt Andreas Schäfer in der Berliner Zeitung. „Was
genau Platel, der oft mit unprofessionellen Schauspielern, Kindern und mit Behinderten
arbeitet, auf der Bühne macht, ist schwer zu beschreiben: Er wirkt eher wie
ein genialer Motivierer, wie ein Angstnehmer und Seelenbefreier. Er enthemmt seine
Schauspieler, ohne sie zu verraten. Er bringt sie zu extremen Gefühlsausbrüchen
und schützt sie durch eine feine Haut aus Ironie, durch einen spielerischen,
Trost spendenden Workshop-Hintergrund. Er verbindet die Drastik einer Sozialreportage
mit der Albernheit eines Kindergeburtstags und kombiniert die vielen Geschichten
wie ein Zirkusjongleur.“