"Ich bin nicht so stark wie ihr glaubt". Stephanie aus Berlin kann ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Vor knapp zwei Jahren hat die Studentin ihre Mutter verloren. Gehirntumor, 42 Jahre alt. Der Vater starb kurzzuvor. Seit dieser Zeit kämpft sie, um wieder zu funktionieren. Aber es klappt nicht. Monate verbrachte sie ausschließlich in der Wohnung. Alkohol und Drogen wurden ihr alleiniger Begleiter.
Der Verlust der Eltern ist für Kinder und junge Menschen ein traumatischer Schock. Je nach Alter und Persönlichkeit reagieren sie mit Hilflosigkeit, Trauer, Wut und Rückzug. "Da ist ein totales Loch, es ist einfach alles unwichtig." Auch was man selber ist und tut: wer schaut mir noch zu, wer interessiert sich für mich, wer freut sich mit mir über Ziele undErfolge, wer nimmt Anteil an Enttäuschungen?
Stephanie sucht Hilfe beim Psychologen und scheitert. "Ich sollte Bäume malen", resümiert sie.Am Ende fehlte ihr selbst die Kraft aus dem Haus zu gehen. Das was Kinder und Jugendliche am nötigsten brauchen, das Gefühl, jemandem wichtig zu sein, einfach weil es einen gibt - es ist mit einem Schlag dahin.
Zutiefst verunsichert, können Waise die Situation oft kaum verarbeiten. "Ich habe bis heute noch nicht um meine beiden Eltern trauern können " meint die junge Rike aus Kiel. Nach dem Herztod ihres Vaters, kam die damals 13jährige zu deren Tante. Ihre Mutter war zuvor an Brustkrebs gestorben. Weil in der Pflegefamilie über den Tod der Eltern nicht gesprochen wurde, folgten Jahre der inneren Immigration. Angst vor einer drohenden Abschiebung ins Kinderheim dominierte lange Zeit ihr Leben. Bis heute kämpft die 23jährigemit dem Gefühl keine Heimat zu haben. Als Waise hat man kein Recht, irgendwo zuhause zu sein - dieses Gefühl begleitet sie.
"Hier bin ich, sorgt für mich!"... das kann man Niemand außer den eigenen Eltern sagen. Der Kontakt zu einem Pferd half der Jurastudentin damals zu überleben. "Ich konnte mit niemanden über meine Gefühle sprechen, dass war das Schlimmste". Ihr Tagebuch wurde zum einzigen intimen Kommunikationspartner."Abgepackt und weggesteckt" hatte sie den Schock, der zu schrecklich war, um wahr sein zu können. Schmerz, Verlassenheit, Verwirrung und Hilflosigkeit durften nicht in die Gefühlswelt dringen. Eine kindliche Schutzreaktion. So verschwand das Schreckliche "in der Tiefe". Rike versuchte, zu "funktionieren", perfekt, unauffällig, anpassungsfähig zu sein, und unempfindlich zu werden gegen mögliche weitere Schicksalsschläge, nur um "nie wieder in eine so hilfsbedürftige Situation zu kommen".- Heute weiß sie: diese "Stärke", die überleben half, war auch ein Selbstbetrug. Ein neuer Aufbruch steht bevor, nach Außen wie nach Innen.
Als wäre es noch nicht genug, türmen sich bei Stephanie die Folgeprobleme. Weil ihre Eltern nur Schulden hinterlassen haben spitzt sich auch ihre finanzielle Situation dramatisch zu. Um die stockenden Zahlungen der Ämter zu überbrücken geht Stephanie zur Blutspende. Das Geld hilft ihr, die größte Not etwas zu lindern. In Deutschland gibt es bis auf wenige ehrenamtliche Einrichtungen keine professionelle Hilfe für Waisenkinder. Mit der Volljährigkeit sind die jungen Erwachsenen auf sich alleine gestellt. Überfordert und mit manchmal grotesken Folgen, wie im Fall von Stephanies Schwester Franziska. Dieheute 20jährige sucht dringend nach einem Bürgen für ihr Schulgeld, bis heute erfolglos. Doch damit nicht genug. Vom Arbeitsamt bekam die Berlinerin die Mitteilung, das ihr die Gelder rückwirkend gestrichen werden. "Von was soll ich dann leben" fragt sich Franziska völlig resigniert. -
Tief prägt sich der Verlust der Eltern in die Biographie von Kinder und jungen Erwachsenen ein. Die Fälle von Stephanie, Rike und ihren Geschwistern zeigen, dass es kaum möglich ist alleine mit diesem Schicksal fertig zu werden. Daneben sind es aber auch bewundernswerte Beispiele für den Trotzdem-Lebensmut.
Rike hat sich aus den realen Erinnerungen "imaginäre" Eltern geschaffen; und sie sagen ihr: "Gottseidank hört sie auf, mit Scheuklappen durch die Welt zu rennen und fängt an, wirklich zu leben..."